Unzweifelhaft ist Industriearchitektur ein besonders interessantes Feld in Berlin, finden sich hier doch die Präsenz der Zweckmäßigkeit mit dem Bestreben nach Schönheit oder zumindest Charakter vereint, weshalb ich einfach mal von schöner Zweckmäßigkeit sprechen möchte. Solche Bauwerke gibt es in unserer Hauptstadt viele und es ist sehr empfehlenswert, dazu ein paar Beispiele näher zu betrachten. Industriearchitektur bietet aber nicht nur dem Ästheten in der Theorie einiges von Interesse, gerade auch Maler und Fotografen finden bei diesen Bauwerken ein oft genug sehr individuelles Spiel von Farben und Formen und genau das macht den Wert der schönen Zweckmäßigkeit dann für den Betrachter aus.
Das Abspannwerk Scharnhorst
Dieses Bauwerk zieht als zweifellos sehr eigenwilliger Industriebau den Betrachter sofort in seinen Bann, denn das Abspannwerk agiert gewissermaßen Janusköpfig: Von der Straße aus gesehen wirkt es wenig spannend, fast schon schal mit der langweiligen Fassade aus Backstein, doch wer auf dem Wasserweg dem Scharnhorst näherkommt, der bemerkt sicher etwas überrascht tatsächlich expressionistische Elemente! In drei Ecken gehaltene, mit dem besonderen Rhythmus und der gefalteten Struktur wirkt das Ganze fast wie eine Täuschung, da die Fenster hinter den Abschnitten der Mauern abhängig vom Blickwinkel erscheinen – und wieder verschwinden!
Hier spielt Industriearchitektur, die vielen als langweilig und wenig individuell gilt, mit den Erwartungen und als das Abspannwerk Scharnhorst 1927 – 29 errichtet wurde, hatte der Architekt Hans Müller wohl genau diesen Ausdruck im Sinn. Die inneren Lichthöfe jedenfalls und die Klinker, selbstverständlich in gelb, wirken wie eine groteske Mischung aus Gotik und Moderne und die beeindruckende Lichtwarte auf dem Dach kann diesen Eindruck noch unterstreichen. Auch wenn das Scharnhorst heute mit einem Kundencenter höchst banale Aktivitäten beheimatet – als Denkmal gelungener Industriearchitektur ist es einen Besuch wert!
Die Güterladestation Magerviehhof
Was klingt wie eine Reminiszenz an den Tauschhandel ist ein fester Bestandteil von Berlin Marzahn: Einst ging es hier sehr umtriebig zu, beherrschten Rinder, Schweine, Schafe und allerlei Federvieh das Geschehen und wer heute durch die von Künstlern und Entspannungshungrigen bevölkerten Baracken schlendert, kann sich diesen einstigen Krach kaum mehr vorstellen. Das Ganze wird übrigens auch als Alte Börse Marzahn bezeichnet und stellte einst den größten Viehhof in Deutschland dar!
Die meisten Leute denken bei Berlin Marzahn an Plattenbauten, doch eine solche kunstvolle und zudem auch noch von allerlei Künstlern bevölkerte Oase inmitten des Viertels und lediglich eine halbe Stunde von Prenzlauer Berg entfernt erwarten hier nur wenige. Die Bauten aus Backstein sind Heimat für so manches Atelier, die alten Bäume spenden Schatten auf dem großen Areal und natürlich ist auch die berühmte Brauerei vor Ort für Durstige ein beliebter Anlaufpunkt. 30.000 Quadratmeter groß ist die Alte Börse respektive die Güterladestation und wer wissen möchte, welches spezielle Flair Berlin in den Jahren nach der Wende zu bieten hatte, sollte einen Ausflug nach Marzahn planen.